Vegane Mutter und omnivore Familie

Verena Jecke 2Verena Jecke, 35 Jahre, ist verheiratet und hat 3 Kinder. Sie wohnt seit 4 Jahren in Berlin, hat die »Spreeganer« gegründet, treibt gern und viel Sport (Marathon, Triathlon usw.), arbeitet im Bereich Marketing für ein Technologieunternehmen, kocht gern, ist neugierig…

Verena, wann und weshalb hast du dich für ein veganes Leben entschieden?

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich gar nicht bewusst für ein veganes Leben entschieden habe, vielmehr hat sich die vegane Ernährungsweise für mich entschieden! Ich vertrage seit Jahren kein Gluten und auch keine Milchprodukte. Zudem habe ich eine Schilddrüsenerkrankung, bei der es quasi als erwiesen gilt, dass sich der Verzicht auf Milchprodukte positiv auswirkt. Als ich dann im Mai 2013 mit meinen Kindern im Buchladen war und zufällig in der Abteilung für Kochbücher landete, stöberte ich einfach nach Rezepten, die meiner Ernährungsform entsprachen. So wurde ich auf ein zentral platziertes Buch mit wunderschönen Food-Fotografien aufmerksam. Beim Überfliegen der Zutatenlisten stellte ich mit Erstaunen fest, dass alles ohne Milchprodukte und größtenteils ohne glutenhaltige Getreide auskam. Als ich das Cover anschaute, las ich »vegetarisch cholesterinfrei« — ja, vegetarisch geht auch mal, dachte ich. Ich hab mir das Buch dann zum Muttertag gewünscht. Als ich es dann erstmals in Ruhe vor mir liegen hatte und ich es las, stellte ich erschrocken fest, dass es sich um vegane (!) Rezepte handelte. Wütend hab ich das Buch zugeklappt »Ich bin doch kein Veganer! Ich verzichte doch nicht auf alles, wie diese Spinner!«. Zwei Tage später habe ich mich auf das Experiment eingelassen, weil ich wissen wollte, ob man sich tatsächlich besser fühlt. Meine Antwort: Ja. Seitdem esse ich vegan. Angefangen aus vollkommen egoistischen Gründen. Die ethischen, moralischen, ökologischen und wirtschaftlichen Aspekte rücken aber immer mehr nach und ich versuche, das »vegan« auch in allen anderen Lebensbereichen zu berücksichtigen.

Wie hat deine Familie und Freunde darauf reagiert? Was waren ihre Hauptargumente?

Mein Mann ist es, glaube ich, gewohnt, dass ich »mein Ding« mache, wenn ich von etwas überzeugt bin. Meine Kinder konnten anfangs nicht verstehen, warum ich nichts mehr esse, das vom Tier kommt. Meine Eltern waren alarmiert, hielten es für eine Schnapsidee und waren sich sicher, dass das nur eine Phase ist. Freunde waren stutzig. »Warum willst Du abnehmen? Du bist doch schon schlank.« (das war gar nicht meine Intention). »Ist das nicht zu einseitig?«, »Zu viel Verzicht.«, »Nur ein Trend», »gesundheitsschädlich«. Aber so wirklich abbringen konnte oder wollte mich keiner davon. Wobei das einfach daran liegen könnte, dass mein Umfeld weiß, dass es aussichtslos ist, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe. Es war sogar umgekehrt: Ich konnte viele Freunde und auch Kollegen überzeugen, die vegane Ernährung doch zumindest zeitweise zu versuchen. Außerdem habe ich eine eigene vegane Gruppe bzw. Community auf Facebook ins Leben gerufen. Die »Spreeganer« sind ein fester, wichtiger Bestandteil meines veganen Lebens und Selbstbewusstseins.

Wie bist du damals mit der Situation umgegangen? Und machst du heute etwas anders?

Ich habe mich von Anfang an nicht beirren lassen. Vielleicht auch deshalb, weil ich »vegan« anfangs ja auch nur als ein zeitlich begrenztes Experiment gesehen habe und weil ich selbst total skeptisch und kritisch war. Somit kannte ich die Argumente ja schon von mir selbst und musste alle anderen nur genauso überzeugen, wie mich selbst. Heute mache ich es nicht anders. Ich kann die Vorbehalte und Skepsis verstehen. Ich kann verstehen, dass es »Angst« macht, wenn man Gewohnheiten aufgeben oder zumindest überdenken soll. Was mich manchmal nervt ist, dass ich viel zu meiner Ernährung und Rezepten gefragt werde, es dann aber hinterher oft heißt, VeganerInnen würden ständig über ihr Essen reden und jede(n) missionieren wollen. Will eigentlich keine(r), wir werden bloß ständig danach gefragt.

Hat das deiner Meinung nach eine Bedeutung für die vegane Bewegung insgesamt bzw. siehst du dort ähnliche Trends?

Ich verstehe die Frage nicht ganz — ob mein Umgang mit dem Umfeld eine Bedeutung für die vegane Bewegung hat? Ich glaube, dazu bin ich nicht wichtig genug (lacht), andererseits sind es die vielen kleinen Dinge, die etwas Großes ins Rollen bringen. Ich glaube, dass es für mein Umfeld heilsam war zu sehen, dass VeganerInnen nicht extrem, nicht spaßbefreit und im Großen und Ganzen völlig normal sind. Sie haben gesehen, dass es nicht so schwierig ist, auf Tier zu »verzichten«. Natürlich haben sie auch gesehen, dass es mir gesundheitlich immer besser ging. Sowas motiviert natürlich. Der andere Aspekt sind die »Spreeganer« – eine Gruppe von mittlerweile 300 VeganerInnen aus Berlin und dem Berliner Umland, die sich oft in unterschiedlichsten Konstellationen zu unterschiedlichsten Aktivitäten treffen und helfen. Dieses Netzwerk und der Spirit sind unglaublich und positiv und haben viele, die anfangs unsicher in der Ernährungsform waren, gestärkt. In der Gruppe finden sich unterschiedlichste VeganerInnen, unterschiedlichste Interessen und Ansichten — aber wir bekriegen uns nicht, sondern funktionieren eher wie ein kleines Dorf in der Großstadt: Wir netzwerken, nutzen Synergie-Effekte und lernen von- und miteinander. Ach ja: Spaß haben wir auch jede Menge!

Hast du allein durch deine Beispielwirkung schon etwas bewirken können?

Verena Jecke 1Ja, das denke ich schon. Unter anderem hatte ich ja das Glück, beim ersten »Perfektes Dinner — 100 % vegan« dabei sein zu dürfen. Das war ein tolles Erlebnis. Unsere Kochrunde war toll und konnte bestimmt mit vielen Vorurteilen aufräumen. Das war — zumindest hoffe ich das — für alle klar zu sehen, dass es »die VeganerInnen« als solche nicht gibt. Dass es sich nicht zwangsläufig um komische, einsame Kauze handelt, die nur Gras und Steine essen. Das Feedback war größtenteils positiv, viele Menschen haben sich durch unseren Auftritt und die Rezepte inspiriert und ermutigt gefühlt, der veganen Küche eine Chance zu geben. Sogar im Heimatort meines Mannes ist »vegan« durch diese Sendung populär geworden. Er war dort letztens zu Besuch und wurde mehrfach auf der Straße angesprochen. Die Leute waren stolz, dass sie ihm berichten konnten, dass sie jetzt auch vegan essen. Das finde ich großartig! Meine Kinder wollte ich anfangs auch auf vegan umstellen. Das hab ich aber ganz schnell wieder gelassen. Viele Geschmäcker und Texturen sind für Kindergaumen einfach ungewohnt. Ich habe als Kind auch vieles nicht gemocht. Ich denke, dass das auch normal ist. Da ich nicht wollte, dass sie vegan mit etwas Negativem verbinden, habe ich sie in Ruhe gelassen. Was sie gar nicht merken ist, dass sie zu 90 % vegetarisch leben. Ich denke, dass sie die Entscheidung, was sie essen und wie sie leben wollen, selber treffen werden. Ich lebe ihnen vor, dass es tierfrei geht — und das sogar gut! Sie haben die »Spreeganer«, die oft bei uns Zuhause sind, als Vorbilder parat. Ich denke, dass das auf lange Sicht einen positiven Einfluss haben wird. Das merke ich schon daran, dass wir im Gegensatz zu anderen Familien viel mehr über Ernährung, Nahrung, Herkunft, Ressourcen, Gesundheit usw. reden.

Besteht dein Freundes- und Bekanntenkreis eher aus VegetarierInnen/VeganerInnen oder eher aus omnivor lebenden Menschen? Spielt das Thema deiner Lebensweise oft eine Rolle bei euren gemeinsamen Unternehmungen?

Durch die Gründung der »Spreeganer« und den damit verbundenen regen Austausch und die vielen Treffen habe ich nun einen vornehmlich vegan-vegetarischen Freundeskreis. Ich muss aber sagen, dass es für mich keine Rolle spielt, was meine FreundInnen essen. Oder anders gesagt: Ich würde einen Menschen nicht ablehnen oder aus meinem Leben ausschließen, nur weil er/sie omnivor isst. Es geht mir ja um den Menschen. Aber natürlich ist es entspannt, wenn man essen geht oder kocht, wenn alle der gleichen Ernährungsweise zugetan sind.

Hast du Tipps für Menschen in vergleichbarer Situation?

Mein Tipp: Tut, was euch gut tut, solange ihr niemandem damit wehtut. Bereitet euch auf die erste Zeit gut vor, denn anfangs stehen einem eher die alten Gewohnheiten im Weg.

Und zum Schluss: Verrate uns doch bitte noch dein Lieblingsgericht.

Mein Lieblingsgericht? Das ist schwierig zu beantworten! Das EINE Lieblingsgericht habe ich nicht! Ich esse gern eine gut gemachte Soja-Bolognese oder einen leckeren Salat mit Avocado, Kichererbsen und Süßkartoffeln, natürlich auch die Kichererbsenschnitzel a la Jérôme Eckmeier vom Perfekten Dinner oder ein tolles Mousse au chocolat.

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