Vegan in Ruanda und Guinea: Interview

Ly wurde in Conakry, der Hauptstadt Guineas, geboren. Mit 19 Jahren verließ er das Land, um in China zu studieren. Dort entdeckte er die vegane Lebensweise für sich und befasste sich immer mehr mit dem Tierrechtsaktivismus, den er auch auf seinem Instagram-Account (@fulanivegan) thematisiert. Seit letztem Jahr lebt und arbeitet Ly in Ruanda. Wir haben mit ihm über das vegane Leben in Afrika und über den Tierschutz vor Ort gesprochen.

Ly, wie lange lebst du bereits vegan? Gab es einen besonderen Moment oder eine Situation, die dich den Konsum von Tierprodukten hinterfragen ließ?

Ich lebe seit ungefähr fünf Jahren vegan. Als ich meine Frau kennengelernt habe, die zu der Zeit Vegetarierin war, habe ich angefangen, das Fleischessen zu hinterfragen. Ich habe dann Peter Singers Buch »Animal Liberation« gelesen und alles fing an, für mich Sinn zu ergeben. Als ich aufgewachsen bin, wurde uns Kindern gesagt, Tiere hätten keine Gefühle wie Menschen. Das Buch hat mir da wirklich die Augen geöffnet.

Wir sind dann einem veganen Verein beigetreten und haben uns gänzlich für den veganen Lebensstil entschieden. Als ich meinen ersten Hund von den Straßen Chinas rettete, habe ich mich sofort verliebt und realisiert, dass alle Tiere die selben Emotionen erleben wie wir Menschen.

Wie leicht oder schwer ist es, in Ruanda und Guinea vegan zu essen?

Tatsächlich basieren die meisten Gerichte in Afrika auf pflanzlichen Zutaten. Fleisch wird immer noch vielerorts als Luxusgut angesehen, aber auch als ein besonders begehrenswertes Produkt. Ich würde sagen, Guinea ist zur Zeit kein guter Ort, um vegan zu leben. Es gibt zwar tolle vegane Optionen, wie zum Beispiel Gerichte mit Maniok oder Kochbanane. Aber im Großen und Ganzen können sich viele unter dem Begriff »vegan« nicht viel vorstellen und es zu erklären kann sich schwierig gestalten.

Ruanda aber ist großartig, um vegan zu essen. Es gibt dort inzwischen einige rein vegane Restaurants und die meisten anderen Lokalitäten bieten mindestens ein bis zwei vegane Optionen an. Ich denke, das liegt daran, dass Ruanda ein immer beliebteres Tourismusziel wird. Ich habe sogar kürzlich eine Bio-Lodge besucht, die ein komplett veganes Menü hatte. Sie wussten auch sofort, dass Honig nicht vegan ist – ich war ziemlich beeindruckt.

Wie geläufig ist das Konzept »Veganismus« in deiner Umgebung? Wie reagieren Leute, wenn du ihnen sagst, dass du vegan lebst?

Zur Zeit ist es kein besonders bekannter Begriff in Afrika. Ich denke aber, dass Tierrechte ein wachsendes Konzept sind, insbesondere wenn es um die Arterhaltung und Anti-Wilderei-Initiativen geht.

Ich würde schon sagen, dass die meisten Leuten recht positiv auf meine Ernährungsweise reagieren. Einige haben sich sogar entschieden, die pflanzliche Ernährung selbst auszuprobieren: Bekannte aus Ghana, Tansania und Ruanda und sogar aus der DR Kongo haben zu mir gesagt, dass sie versuchen, Veganer:innen zu werden. Tatsächlich bekomme ich mehr negative Kommentare von Europäer:innen und Amerikaner:innen. Vielleicht ist das so, weil eine pflanzliche Ernährung nicht so weit davon entfernt ist, wie viele Afrikaner:innen sich ohnehin ernähren.

In Europa, Nordamerika (und allmählich auch in Südostasien) erfreuen sich pflanzliche Fleischalternativprodukte (beispielsweise von Beyond Meat und Impossible Foods) immer größerer Beliebtheit. Gibt es einen ähnlichen Trend in afrikanischen Ländern?

Es gibt zwar zwei Restaurants hier in Ruanda, die Soja als »Hühnchen«-Alternative benutzen, aber darüber hinaus habe ich noch keine Alternativprodukte gesehen. Ich denke, das liegt vor allem am Preis. Ich kann in Ruanda Milchalternativen von Alpro kaufen, aber eine Packung kostet ca. 8 US-Dollar. Bei einem so niedrigen Durchschnittseinkommen wie hier ist es wirklich unverschämt zu erwarten, dass die Leute diese Produkte kaufen. Ein weiterer Faktor ist meiner Meinung nach, dass diese großen Unternehmen Afrika nicht als Zielmarkt betrachten – auch wenn einige der sich am schnellsten entwickelnden Volkswirtschaften in Afrika liegen. Es wäre toll, wenn solche Marken in den afrikanischen Markt eintreten würden.

Welche Tierschutz- oder Tierrechtsthemen sind in Ruanda und Guinea gerade besonders relevant? Gibt es viele Aktivist:innen oder Organisationen, die sich dieser Themen annehmen?

Ich denke, in Ruanda sind die Straßenhunde und -katzen derzeit das größte Thema. Während einige Menschen Hunde als »Haustiere« halten, benutzen sie viele nur als Wachhunde. Sie kastrieren und impfen sie oft nicht und das führt zu einer großen Anzahl verwahrloster Tiere, die Krankheiten übertragen. Anstatt für Kastrationen und Impfungen zu werben, legt die Regierung regelmäßig Giftköder aus, sodass die Tiere einen grausamen Tod sterben. Der Zugang zu tiermedizinischer Versorgung ist schlecht und oft sehr teuer für den Durchschnittshaushalt. Daher werden diese Probleme ohne eine massive Kampagne für Kastration/Sterilisation und Impfungen in nächster Zeit wohl kaum verschwinden. Ich kenne nur eine Organisation, die sich ganz dem Wohl der »Heimtiere« verschrieben hat, und das ist WAG Kigali (Instagram: @wagkigali).

In Guinea haben wir auch ein Problem mit verwahrlosten Tieren, aber die Regierung lässt sie nicht umbringen. Daher empfinde ich dieses Thema als weniger dringlich. Das größte Problem, das wir in Guinea haben, ist der Wildtierhandel. Insbesondere Schimpansen werden als »Haustiere« nach Übersee verkauft, vor allem in die USA oder in den Mittleren Osten. Die Schimpanseneltern werden meist getötet, wenn ihre Babys verkauft werden sollen. Wir müssen den Menschen in diesen Ländern bewusst machen, was für einen Schaden sie der Natur und den Wildtieren in Guinea damit antun. In Guinea gibt es die größte wildlebende Schimpansenpopulation in Westafrika, aber sie ist stark bedroht durch Wilderei, den Tierhandel und die Bergbauindustrie. Guinea ist extrem reich an Mineralien und daher zerstören Bergbauunternehmen große Teiles des Lebensraums der Schimpansen. Das Chimpanzee Conservation Centre rehabilitiert verwaiste Schimpansen, die dem Tierhandel zum Opfer gefallen sind (Instagram: @chimpanzee_conservation_centre)

Welche Verbesserungen für die Tiere wurden in Guinea und Ruanda in den letzten Jahren erreicht?

Ruanda hat in den letzten 10 bis 15 Jahren großartige Arbeit im Wildtierschutz geleistet. Das Land erlebte im Jahr 1994 einen der schlimmsten Genozide der Geschichte. Der Bürgerkrieg hatte auch einen großen Einfluss auf die Wildtiere (und deren Habitate) in der Region. Gorillas waren wegen der Wilderei fast ausgestorben. Der Akagera National Park (das einzige Reservat für Savannentiere) wurde nach dem Krieg um die Hälfte verkleinert. Löwen wurden gejagt, bis sie in der Region komplett ausgestorben waren. Seitdem hat die Regierung die Situation verändert: Die Gorillas sind jetzt gut geschützt im Vulkan-Nationalpark und die Wilderei in der Gegend hat aufgehört. Es gibt nun etwa 604 Gorillas in der Region der Virunga-Vulkane. Der Akagera-Park hat auch wieder Löwen und Schutzmaßnahmen für die Wildtiere eingeführt. Sie haben so gut wie keine Probleme mehr mit Wilderei. Das Geld, was man bezahlt, um Gorillas in freier Wildbahn zu sehen, fließt in Naturschutzinitiativen.

Leider ist die Situation für Tiere in Guinea keine Erfolgsgeschichte. Die wirtschaftliche Situation dort ist immer noch sehr schlecht. Deshalb sind die Wildtiere vielfältigen Gefahren ausgesetzt: dem Handel mit Wildtierfleisch, Bergbauminen, Waldrodung und illegalem Tierhandel. Die Regierung will die Bedürfnisse der Wildtiere nach wie vor nicht über die eigenen wirtschaftlichen Interessen stellen.

Bitte erzähle uns mehr über deinen Instagram-Account @fulanivegan. Warum hast du ihn erstellt? Was motiviert dich Informationen über Veganismus (und andere wichtige Themen) zu teilen?

Ich habe meinen Instagram-Account @fulanivegan gestartet, um auf Tierrechte aufmerksam zu machen. Anfänglich wollte ich meine Freunde aus Afrika und China – ich habe 13 Jahre in China gelebt – über Tierrechtsthemen informieren, aber ich habe angefangen, auch zu anderen Themen Beiträge zu veröffentlichen.

Mir wurde klar, dass wir – um den Veganismus insbesondere für Afrikaner:innen zugänglich zu machen – auch über andere Themen wie den Zugang zu Nahrung, Rassismus, Imperialismus und Gender sprechen müssen und darüber, inwiefern diese Themen in der Tierrechtsbewegung eine Rolle spielen. Mein Schwerpunkt ist der Aktivismus für nicht-menschliche Tiere, doch damit Veganismus erfolgreich ist, müssen wir so inklusiv wie möglich sein.

Würdest du dein veganes Lieblingsrezept mit uns teilen?

Mein Lieblingsrezept ist Maffe Tiga, ein traditionelles Gericht in Guinea. Normalerweise wird es mit Hühnerfleisch zubereitet, doch man kann es ganz leicht veganisieren, indem man Süßkartoffel, Tofu oder Fleischalternativen benutzt. Hier gibt’s ein Rezept.

Vielen Dank für das Gespräch, Ly! 

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